»Über 100 Jahre Weinseligkeit«, so charakterisiert sich das Mainzer Weinhaus Wilhelmi auf seiner Website (die auf dem Smartphone leider nicht stabil läuft) selbst. Wer einmal in der mit wunderbarer Wirtshausmalerei im Stile flämischer Künstler ausstaffierten schmalen Weinstube innen oder im trotz der Enge zum benachbarten »Heiliggeist« sehr romantischen Außen­bereich saß und aus der bodenständigen Weinkarte auswählte, kann das nur bestätigen. Der Charakter des Weinhauses konnte im Grunde seit der Eröffnung durch Martin Wilhelmi 1894 erhalten werden. Die günstige Lage an der Rheinstraße unmittelbar gegenüber der Rheingoldhalle sorgte in den letzten Jahrzehnten immer wieder dafür, dass auch die Prominenz aus Funk und Fernsehen im »Wilhelmi« vorbeischaute. Das Zeitalter der Liveshows vor Ort ist zwar seit Längerem vorbei, aber vielfältigste Veranstaltungen in der Rheingoldhalle, der Landtag in der Nähe und das Rathaus gegenüber führen nach wie vor zu einer recht hohen Promi-Quote.

Bestens betreut werden die Gäste durch das Team um Christina Schickert, die seit 1998 die Leitung des »Wilhelmi« übernommen hat. Mit Mainzer Herzlichkeit gepaarte Aufmerksamkeit ist einem sicher. Und so kann man genießen – von der »Fleischworscht« (9,50 €) mit der Weinschorle nach Rheinhessenmaß (0,4 l/5,20 €) bis zum Rumpsteak vom Angus Rind (22,90 €) und weiteren Schmankerln von der Tageskarte reicht die Spanne. Das Regionale steht bei den Speisen im Vordergrund. Die Weinkarte bietet eine ordentliche Auswahl aus Rhein­hessen, dem Rheingau und der Pfalz. Teilweise werden die Weine auch charakterisiert (hier wäre eine durch­gehende Weinbeschreibung noch besser). Für den »Wein des Monats« lässt man sich immer etwas Besonderes einfallen. Bei unserem Besuch war es der prämierte
Spitzenrosé von Braunewell-Dinter (0,75l l/38 €).

Wir konnten draußen einen Sommerabend im »Wilhelmi« verbringen und begannen ihn mit zwei Gläsern Erdbeerbowle mit Winzersekt (5,90 €), was gleich sehr zur Entspannung beitrug. Danach konnten wir mit Hilfe des Personals vom für das Essen zu kleinen Tisch an
einen anderen wechseln und aßen zur Vorspeise nicht automatisch mit heimatlicher Küche verbundene Gerichte, die aber umso besser schmeckten. Meiner Frau mundete das Rindercarpaccio (10,90 €), nett angerichtet mit gehobeltem Parmesan und einem Rucolasalat ebenso, wie mir das fast schon legendäre »Knobi-Brot« (6,90 €), das mit Käse, Gemüse und Oliven überbacken schon einen Augenschmaus darstellt. Dazu bestellten wir einen Weißburgunder vom Weingut Mann aus Gau-Weinheim (5,20 €), sowie einen Riesling vom Weingut Beiser aus Vendersheim (5,20 €), beide saftig, Letzterer allerdings mit »Zechwein« etwas unter Wert beschrieben.

Nach einer erbetenen und prompt eingehaltenen längeren Pause ging es für mich mit einer Hausmacher-Spezialität des Hauses weiter, dem »Gebrätelten« (13,90 €). Die für großen Hunger geeignete Portion ist »Mainz pur«: Fleischwurst mit Rührei und Röstkartoffeln überbacken, schön drapierte Gürkchen dazu. Die Wurst ist leicht angebraten, das Rührei durch und gut gewürzt, die Röstkartoffeln knusprig. Und Rheinhessen harmonierte sehr gut mit dem Rheingau. Der Riesling vom Kiedricher Weingut Speicher-Schuth (5,80 €) passte hervorragend als Essensbegleiter. Meine Frau schnappte sich von der Tageskarte den Räucherlachs mit Kräuterquark und Bratkartöffelchen (15,90 €). Sie bereitet das Gericht selbst gerne zu und konnte dem »Wilhelmi« ein gutes Zeugnis ausstellen. Dazu trank sie (ja, das geht) einen Saumagen, nämlich den der gleichnamigen Lage des Weinguts Bühler in Kallstadt (5,60 €). Der Riesling hatte eine intensive Pfirsichnote.

Zufrieden ließen wir den Abend mit etwas Obst (Erdbeeren mit Vanilleeis und Schlagsahne, 7 €) und je einem Zehntel Riesling von Bassermann-Jordan (3,50 €) bzw. Pinot noir Rosé von Speicher-Schuth (3,50 €) ausklingen. Gemütlichkeit ist das Stichwort. Gemütlichkeit findet man im Weinhaus Wilhelmi, wenn man einen der raren Tische ergattert (unbedingt reservieren). Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das Weinhaus im ersten Stock auch Platz bietet und für Feiern bis zu 100 Personen ausgerichtet ist. Die eingangs beschriebenen »über 100 Jahre Weinseligkeit« werden hoffentlich noch viele Jahre mehr.

ESSEN8,0
TRINKEN7,5
SERVICE8,5
AMBIENTE8,0
PREIS/LEISTUNG8,0
ERGEBNIS8,0

Weinhaus Wilhelmi
Rheinstraße 53 | 55116 Mainz
Tel. 06131 224949
www.weinhauswilhelmi.de
geöffnet: Mo-So 17-24 Uhr
(warme Küche bis 23 Uhr)
Ruhetag: in den Sommermonaten So

Vorspeisen: ab 6,90 €
Hauptspeisen: 7,90-22,90 €
Desserts: 6,90-7 €
offener Wein (0,2 l): 4,60-6,90 €